An alle Eltern, SchülerInnen, Kreistagsabgeordnete und interessierten KreiseinwohnerInnen

Seit 2009 bereits gibt es rege Diskussionen um die Schullandschaft im Kreis Holzminden. Es gab viele Leserbriefe, Statements und vor allem viele Emotionen. Es gab aber auch viel Verwirrung und Aussagen, die wir als Kreiselternrat, der alle Schulformen im Landkreis vertritt, so nicht stehen lassen möchten. Wir möchten einmal mehr versuchen, zu informieren, denn das ist nach unserer Auffassung bislang nicht ausreichend geschehen. Nach nunmehr 12 Jahren Hin und Her sind wir jetzt nur noch einen winzigen Schritt davon entfernt, einen Meilenstein für unseren schönen Landkreis zu setzen - nämlich die Schullandschaft im Landkreis endlich zukunftsfest aufzustellen. Dem Kreistag liegen mehrere Beschlussvorlagen vor, die einen sachorientierten Kompromiss darstellen. Es sind jeweils "Paketlösungen", die als Ergebnis langer Diskussionen, zäher Verhandlungen und des Haderns mit den Realitäten sowohl Vorteile als auch Abstriche für alle bisherigen Standorte beinhalten.

Um den Hintergrund der Diskussionen zu begreifen, muss man verstehen, dass es um die Summe der Schulen im Landkreis, um die „Schullandschaft“ als Ganzes geht – nicht um die einzelnen Schulen. An denen wird überwiegend wirklich sehr gute Arbeit geleistet! Im Landkreis ist jedoch über viele Jahrzehnte die gesamte Schulstruktur in eine Schieflage geraten. Es geht eindeutig nicht darum, einzelne Schulen zu „bestrafen“, „anzugreifen“, „kaputt zu machen“. Es geht darum, das gesamte System im Landkreis zukunftsfähig zu machen – da ist jeder einzelne Schulstandort nur ein Teil des Ganzen. Alle SchülerInnen im Landkreis verdienen Gerechtigkeit, d.h. die gleichen Chancen und gute Rahmenbedingungen, v.a. im Hinblick auf die Verteilung von Lehrerstunden, Ausstattung, Finanzmitteln. Durch den Bevölkerungsrückgang sind zu wenige SchülerInnen und damit zu wenige Lehrerstunden auf zu viele kleine Schulen verteilt. Kleine Systeme an sich haben durchaus ihre Vorteile, aber in Summe können dadurch bei uns nicht an allen Schulen alle Fächer unterrichtet werden. Bei der Unterrichtsversorgung bildet unser Landkreis niedersachsenweit daher seit Jahren das Schlusslicht!

Hinzu kommt, dass viele der Schulgebäude marode und überdimensioniert sind. All diese Gebäude zu unterhalten, kostet den Landkreis jedes Jahr über eine Million Euro – Geld, das in die Ausstattung der Schulen und an vielen anderen Stellen im Landkreis besser und nachhaltiger eingesetzt werden könnte, z.B. für Infrastrukturmaßnahmen, Wirtschaftsförderung, Seniorenarbeit, die Sanierung von Sportstätten und Schwimmbädern. Dem Landkreis stehen als Schulträger zudem aktuell verpflichtende Investitionen in Millionenhöhe für Digitalisierung, Barrierefreiheit und Inklusion unmittelbar bevor. Diese (Steuer-) Gelder nur in Schulen zu stecken, die auch dauerhaft eine Zukunft haben, ist wirtschaftlich das einzig Sinnvolle. Vor diesem Hintergrund erscheint ein Zusammenlegen von Ressourcen in einem anderen Licht.

Wir Eltern wünschen uns daher an dieser Stelle noch einmal:

eine optimale Unterrichtsversorgung aller SchülerInnen in allen Fächern ein vielfältiges Betreuungs- und AG-Angebot

gute und zeitgemäße Ausstattung unserer Schulen

attraktive Schulen für Schüler und Pädagogen

ein wertschätzendes Lern- und Arbeitsumfeld sichere Schulgebäude

gute Erreichbarkeit/ Barrierefreiheit/sichere Schulwege

gute Anbindung an den ÖPNV gerechte und gleiche Bildungschancen für alle Schüler im Landkreis

gute Schulen in Wohnortnähe

Wir fordern die Kreistagspolitiker auf, Ihre Verantwortung für die Gestaltung eines zukunftsfähigen, lebenswerten Landkreises Holzminden anzunehmen. So, wie wir Eltern heute nicht vorrangig für unsere eigenen Kinder kämpfen, sondern bereits für die nächste Generation Schüler, erwarten wir, dass die Kreistags-Mitglieder auch um die beste Lösung für den gesamten Landkreis ringen. Wir fordern, das sie jetzt endlich Entscheidungen treffen, die dann auch zeitnah umgesetzt werden – solange es für den Landkreis noch Entscheidungsspielräume gibt bzw. die Entscheidungshoheit noch beim Landkreis liegt.

Die aktuellen Beschlussvorlagen sind nicht unsere favorisierte Lösung, sie enthalten zudem einige Unwägbarkeiten und manche Detailfragen sind noch nicht geklärt. Die Vorlagen bieten jedoch überhaupt eine Lösung und die Chance, dass nun endlich ein tragbarer Schulfrieden für den ganzen Landkreis Holzminden erreicht werden kann!

Da dieser das oberste Ziel von uns allen - Eltern, Schülern, Lehrerschaft, Schulleitungen, PolitikerInnen - sein sollte, möchten wir Elternvertreter hier den Blick nach vorne richten und Vorteile in der aktuellen Lösungsansätze herausstellen:

1. Wir haben endlich die Chance, in unserem Landkreis eine neue, moderne, gut ausgestattete Integrierte Gesamtschule (IGS) zu bekommen, die viele Eltern sich seit Jahren wünschen.

Sie ist eine Schule mit einem bislang bei uns noch nicht vorhandenen Bildungskonzept, die alle Schulzweige in sich vereint. An der IGS können junge Menschen über die bisherigen Schulform-Grenzen hinweg länger gemeinsam lernen und werden nicht nach der 4. Klasse „einsortiert“. Sie können gemeinsam ihre Stärken besser kennenlernen und ihr persönliches Potenzial besser entfalten. Ein breites Spektrum an Fächern für alle, Raum für Kreativität und eine gute Berufsorientierung sind besonders für SchülerInnen interessant, die noch unsicher sind, welchen Weg sie einmal einschlagen wollen.

2. Sollte die IGS – nach Abfragen des Elternwillens – im Landkreis genehmigt werden, hätten alle Kreis-Holzmindener die Möglichkeit, ihre Kinder an diese Schule, an eine der Oberschulen oder ans Gymnasium zu schicken. Das würde für Familien eine attraktive Bereicherung der Wahlmöglichkeiten darstellen.

3. Die neue Schule wird von Anfang an inklusiv konzipiert, so dass auch SchülerInnen mit Unterstützungsbedarf hier gut aufgehoben sein werden. Nach dem Auslaufen der Förderschulen (außer der für Geistige Entwicklung), ist das besonders wichtig!

4. Mit Verabschiedung der aktuellen Beschlussvorlagen bekäme die Förderschule GE in Bevern so schnell wie nirgendwo sonst möglich angemessene Räume, in denen sich das pädagogische Konzept endlich auch umsetzen ließe. Das würde endlich die jahrelange Unterbringung in den unpassenden Räumlichkeiten der "Schule an der Weser" und die Aufteilung in zwei Standorte beenden. Der barrierefreie Ortskern Beverns sowie eine gute Infrastruktur bieten den FörderschülerInnen für den lebenspraktischen Unterricht gute Möglichkeiten. Ebenso ist vor Ort auch die Kooperation mit der Grundschule eine tolle Gelegenheit.

5. Alle drei Schulstandorte (OBS Bevern, OBS Stadtoldendorf, HRS Eschershausen), die in der neuen Schule aufgehen sollen, werden auslaufen. Das ist insofern gerecht und notwendig, da das Projekt „Nordschule“ so ein neues Kapitel für alle bisherigen Schulen und die damit verbundenen Menschen aufschlägt.

6. Im Gegensatz zu vorherigen bieten die aktuellen Vorschläge nun allen SchülerInnen, die auslaufende Schulen besuchen die Möglichkeit, Ihre Schulzeit bis 2025/26 auch in den Räumen zu beenden zu können, wo sie sie begonnen haben. Dieser Vertrauensschutz ist für SchülerInnen, Familien und LehrerInnen ein deutlicher Zugewinn gegenüber bisherigen Planungen! (Für den Standort Bevern werden wir uns diesbezüglich noch einsetzen!)

7. Die OBS Bevern wird nun doch nicht kurzfristig mit der OBS Holzminden zusammengelegt. Bereits bestehende Raumprobleme der OBS Holzminden werden so nicht noch verschärft. Auch eine Aufteilung der OBS Holzminden in zwei Standorte ist somit vom Tisch.

8. Wenn die Elternabfrage für eine IGS gelingt, könnte eine IGS bereits zeitnah in freien kreiseigenen Räumlichkeiten eingerichtet werden. So schnell wie möglich soll jedoch ein neues, dem Konzept der IGS angepasstes Gebäude errichtet werden.

9. Eine Planungsgruppe könnte bald beginnen, das konkrete pädagogische Konzept für die neue Schule auszuarbeiten. Als Grundlage dafür dienen u.a. die Ergebnisse, die die im Dezember eingesetzte „Kommission zur Erarbeitung einer Empfehlung für das pädagogische Konzept und der Schulform der Sekundarschule mit gymnasialem Zweig“ erarbeitet hat.

10. Parallel mit der Errichtung der neuen Schule muss die bereits eingeleitete Neuausrichtung des Nahverkehrs einhergehen, die sich am Zeitraster der Schule ausrichten sollte. Von besseren ÖPNV-Verbindungen profitieren dann letztendlich alle Kreiseinwohner.

Wenn man will, kann man erkennen, es ist es kein Verlust, der dort in Planung ist, sondern ein großartiges Projekt, dass enormes Potenzial freisetzen kann und von dem letztendlich auch ALLE profitieren. Die Investition in eine neue, moderne Schule, die Spaß am Lernen bringt und neue Perspektiven bietet, hätte als Leuchtturmprojekt das Potential, auch abwandernde Schüler aus anderen Landkreisen wieder zurückzuholen. Zudem könnte diese attraktive Schule, was sowohl Ausstattung als auch das Bildungskonzept betrifft, PädagogInnen animieren, sich in den Landkreis Holzminden zu bewerben. Damit könnte auch dem Lehrermangel und der schlechten Unterrichtsversorgung entgegengewirkt werden. Viele von Ihnen haben die Diskussionen über weite Strecken verfolgt, haben mit gestritten, gelitten, gekämpft. Sie haben sich möglicherweise mit viel Herzblut dafür eingesetzt, alle Ihre Schulen vor Ort zu erhalten. Wir hoffen, dass sich die Wogen in Hinblick auf die notwendigen Umstrukturierungen der Schullandschaft bald glätten werden und dass sich dann aus der Lehrerschaft Menschen finden, die Lust haben, das Projekt „IGS Nord“ aktiv mitzugestalten. Sie, die engagierten LehrerInnen, sind das wichtigste für Ihre SchülerInnen – SIE möchten sie alle gerne mitnehmen – egal an welche Schule, egal an welchen Standort!

Wir als Kreiselternrat unterstützen diese große Chance in vollem Umfang, denn sie bietet nicht nur den Kindern eine ideale Beschulung sondern auch unserem gesamten Landkreis eine Chance, für Familien und Lehrkräfte wieder attraktiver zu werden. Es können endlich die Weichen für einen Aufbruch unseres Landkreises in Richtung Zukunft gestellt werden – damit er auch in vielen Jahren noch lebens- und liebenswert und attraktiv für Zuzügler sein wird. Helfen Sie uns bei dieser großen aber wundervollen Aufgabe! Die Möglichkeiten, die der Landkreis hat, sind begrenzt und bekannt. Es werden sich auch nach den Wahlen keine neuen Optionen auftun. Wir wünschen uns allen daher eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema.

Der Kreiselternrat des Landkreises Holzminden

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