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Landkreis Holzminden
Markus Schumacher, Bereichsleiter Orthopädietechnik, hält eine FES in der Hand.

Detmold. Gehen ist für die meisten Menschen selbstverständlich. Wer seinen Fuß jedoch nicht mehr zuverlässig anheben kann, muss plötzlich über Bewegungsabläufe nachdenken, die früher automatisch abliefen. Die Fußspitze schleift, Unebenheiten werden zum Hindernis und jeder Schritt fordert Aufmerksamkeit. Bei bestimmten neurologisch bedingten Fußheberschwächen kann funktionelle Elektrostimulation, kurz FES, die Bewegung unterstützen.

Im Vitalzentrum kommen dafür unter anderem die Systeme L300 und EvoMove zum Einsatz. Für Markus Schumacher, Bereichsleiter Orthopädietechnik, steht jedoch nicht das einzelne Produkt im Vordergrund: „Entscheidend ist nicht ein bestimmtes System, sondern welche Versorgung zur Patientin oder zum Patienten und zum jeweiligen Gangbild passt.“

Wenn der Fuß nicht richtig mitkommt

Bei einer Fußheberschwäche wird der Fuß während des Gehens nicht ausreichend angehoben. Die Zehenspitzen können dadurch am Boden schleifen oder hängen bleiben. Betroffene müssen ihren Gang häufig stärker kontrollieren.

Ziel der Versorgung ist es, den Gang im Alltag wieder selbstverständlicher werden zu lassen: „Im besten Fall sollen sich die Patientinnen und Patienten nicht bei jedem Schritt fragen müssen: Wie laufe ich, wo trete ich hin und wie setze ich den Fuß auf?“

Die funktionelle Elektrostimulation setzt dabei an der aktiven Muskelarbeit an. Stärke und Zeitpunkt der Impulse werden individuell auf das jeweilige Gangbild abgestimmt.

FES oder klassische Orthese?

FES steht für Funktionelle Elektrostimulation. Beim L300 gibt eine am Unterschenkel getragene Manschette über Elektroden kleine elektrische Impulse an den für die Fußhebung zuständigen Unterschenkelnerv ab. Bewegungssensoren erfassen die jeweilige Gangphase. Das System löst den Stimulationsimpuls zum passenden Zeitpunkt aus, sodass sich die vordere Unterschenkelmuskulatur zusammenzieht und den Fuß anhebt. Eine klassische Orthese stabilisiert den Fuß mechanisch. FES nutzt dagegen die aktive Muskelbewegung. Das Sprunggelenk bleibt grundsätzlich frei beweglich, sofern die Erkrankung selbst keine Einschränkung verursacht. Auch barfuß oder mit geeigneten Socken lässt sich das System nutzen.

FES ist dennoch nicht automatisch die bessere Lösung. Wird mehr mechanische Stabilität benötigt oder reagiert die Muskulatur nicht ausreichend auf den Reiz, kann weiterhin eine Orthese geeigneter sein.

Ob FES infrage kommt, hängt vor allem von der Ursache der Fußheberschwäche ab. Voraussetzung ist eine zentrale Störung, bei der die Schädigung im Gehirn oder Rückenmark liegt. Zu den möglichen Krankheitsbildern gehören Multiple Sklerose, Schlaganfall, inkompletter Querschnitt und Zerebralparese.

Bei einer peripheren Nervenschädigung kann die gewünschte Muskelreaktion dagegen ausbleiben. Die Erfolgsaussichten können sehr gut sein, eine Garantie gibt es jedoch nicht. Deshalb muss jede Versorgung individuell getestet werden.

Bevor ein FES-System eingesetzt werden kann, werden mögliche Kontraindikationen individuell geprüft. Dazu zählen unter anderem ein Herzschrittmacher, eine Schwangerschaft, ein künstliches Kniegelenk, eine akute Krebserkrankung sowie offene oder nässende Wunden im Bereich der Stimulation. Bei Epilepsie muss die individuelle Situation abgeklärt werden. Die Sicherheit der Anwenderin oder des Anwenders hat dabei immer Vorrang.

Das Vitalzentrum bietet verschiedene FES-Systeme an.
So läuft die Testung ab

Sind die Voraussetzungen erfüllt, läuft die Patientin oder der Patient zunächst ohne Versorgung. Schumacher und sein Team beurteilen das Gangbild und die Ausprägung der Fußheberschwäche. Neben dem Fuß beziehen sie auch Knie und Hüfte in die Analyse ein. Welches System getestet wird, richtet sich nach den Ergebnissen.

Anschließend wird ein Testsystem am Bein angebracht. Die ersten Einstellungen erfolgen im Sitzen. Die Stromstärke wird schrittweise erhöht, bis eine sichtbare Muskelreaktion entsteht und sich der Fuß hebt.

Ein spürbarer Stromimpuls allein reicht für die Beurteilung nicht aus. Ausschlaggebend ist, dass der Fuß sichtbar reagiert und sich anhebt.

Danach folgt die Erprobung beim Gehen. Geprüft wird, ob sich der Fuß ausreichend und zum richtigen Zeitpunkt hebt. Die Intensität wird entsprechend angepasst. Wie sich die Stimulation anfühlt, ist individuell verschieden. Viele Patientinnen und Patienten gewöhnen sich bereits während der ersten Testung an das ungewohnte Gefühl. Je nach Komplexität dauert die Erprobung etwa 30 bis 45 Minuten.

Entscheidend ist der Alltag

Zeigt die Testung einen positiven Effekt, kann das System auf Grundlage einer ärztlichen Verordnung bei der Krankenkasse beantragt werden. Je nach Entscheidung kann sich eine vierwöchige Testversorgung anschließen.

Eine kurze Testung liefert wichtige Hinweise, bildet den Alltag aber nur begrenzt ab. Während der Testversorgung wird deshalb genau betrachtet, wo die Patientin oder der Patient steht und welche Unterstützung im Alltag benötigt wird.

Auch bei erfolgreicher Stimulation ist eine Eingewöhnungsphase erforderlich. Da die Muskulatur aktiv arbeitet, muss die Belastung zunächst langsam gesteigert werden.

FES eignet sich damit nicht für jede Fußheberschwäche und ersetzt eine Orthese nicht grundsätzlich. Erst die individuelle Erprobung zeigt, ob der Fuß auf die Stimulation reagiert, sich das Gangbild verbessert und das System im Alltag zuverlässig unterstützt.

Fotos: awin


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