Detmold. Wann reicht ein Hilfsmittel von der Stange – und wann braucht es Maßarbeit? Diese Frage stellt sich oft erst dann, wenn Bewegung im Alltag schwieriger wird: nach einer Operation, nach einer Amputation, bei altersbedingtem Verschleiß oder bei einer neurologischen Erkrankung. Bei Problemen dieser Art geht es darum, sicherer zu stehen, besser zu gehen und wieder mehr Vertrauen in den eigenen Körper zu bekommen.
Im Vitalzentrum setzt die Orthopädietechnik genau an diesem Punkt an. Orthopädietechnikmeister Markus Schumacher und sein Team begleiten Menschen mit Prothesen, Orthesen und neurotechnologischen Systemen.
„Nicht jedes Problem braucht sofort eine aufwendige Sonderanfertigung. Aber nicht jeder Körper passt zu einer Lösung aus dem Regal. Unser Credo ist: so wenig Orthese wie möglich, aber so viel wie nötig“, beschreibt Schumacher die Herangehensweise.
Eine konfektionierte Versorgung reicht aus, wenn die Einschränkung weniger komplex ist, keine deutlichen Fehlstellungen vorliegen und die Passform stimmt. Anders ist es bei Achsabweichungen, starken Instabilitäten, Schwellneigungen, besonderen anatomischen Voraussetzungen oder umfangreicheren Lähmungen. In solchen Fällen kommt häufig eine Maßanfertigung ins Spiel, weil das Hilfsmittel genauer auf Körper, Funktion und Alltag abgestimmt werden muss.
Der Alltag entscheidet mit
Der Weg zum passenden Hilfsmittel beginnt deshalb mit einer ausführlichen Beratung. Dabei zählt nicht allein die Diagnose. Entscheidend ist, wie der Mensch lebt und was er erreichen möchte. Geht es um kurze Wege in der Wohnung? Um Treppen? Um Beruf, Gartenarbeit, Radfahren oder Rehasport? Oder darum, nach einer Operation wieder Sicherheit in den eigenen Bewegungen zu finden?
„Wichtig ist, wofür der Patient das Hilfsmittel einsetzen möchte und wo die größten Probleme liegen“, erklärt der Orthopädietechnikmeister. Daraus entwickelt das Team Schritt für Schritt eine Versorgungsidee. Häufig wird zunächst geprüft, ob eine Standardlösung ausreicht. Dabei werden Gangbild, Stand, Sicherheit und Tragegefühl betrachtet. Was die Fachleute sehen und was die Patientinnen und Patienten spüren, wird zusammengeführt.
Reicht eine konfektionierte Lösung nicht aus, kann eine Maßanfertigung sinnvoll sein. Das gilt zum Beispiel bei Fußheberorthesen, wenn der Knöchel stark instabil ist, eine Fußfehlstellung vorliegt oder Schwellungen die Passform erschweren. Dann muss die Orthese genauer auf den Körper abgestimmt werden, damit sie nicht nur theoretisch passt, sondern im täglichen Einsatz hilft.
Maßarbeit ist mehr als ein Termin
In der orthopädietechnischen Werkstatt verbindet das Vitalzentrum handwerkliche Erfahrung mit digitalen Verfahren. Je nach Fall arbeitet das Team mit Abdruck, Scan, Modell, Anprobe und manueller Anpassung. Wo früher häufig Gipsabdrücke nötig waren, können heute in vielen Fällen 3D-Scans eingesetzt werden. Entscheidend bleibt aber die Arbeit am Menschen. Aus einzelnen Bauteilen entsteht erst durch Analyse, Erfahrung und Feinarbeit eine Lösung, die wirklich sitzt.
Dieser Weg ist kein einzelner Termin, sondern ein fortlaufender Prozess. Körper verändern sich. Ein Bein kann anschwellen, ein Prothesenstumpf kann an Umfang verlieren oder zunehmen, eine Orthese kann nachjustiert werden müssen. Das Vitalzentrum bleibt deshalb auch nach der Abgabe Ansprechpartner – bei Druckstellen, Passformproblemen, Reparaturen oder der regelmäßigen Kontrolle. „Es ist nicht damit getan, dass das Hilfsmittel einmal angepasst ist und dann immer passt“, macht Schumacher deutlich.

Neurotechnologie als ergänzender Weg
Neben klassischen Prothesen und Orthesen können auch neurotechnologische Verfahren geprüft werden. Ein Beispiel ist L300, eine Lösung zur funktionellen Elektrostimulation. Sie unterstützt bei bestimmten neurologischen Erkrankungen und Fußheberschwächen die vorhandene Muskulatur im richtigen Moment. So kann der Fuß beim Gehen besser angehoben werden. Für Betroffene kann das mehr Bodenfreiheit und mehr Sicherheit bedeuten.
Ob L300 eine Orthese ersetzen oder ergänzen kann, hängt vom Einzelfall ab. Bei Instabilitäten oder zusätzlichen Fehlstellungen kann weiterhin eine Orthese notwendig sein. Auch der Exopulse kann im Einzelfall eine Rolle spielen. Der Anzug arbeitet mit Neuromodulation und kann bei geeigneten Krankheitsbildern wie muskulären Ungleichgewichten und Spastiken eingesetzt werden. Patientinnen und Patienten können dadurch je nach Ausgangslage beweglicher werden oder weniger Verspannung empfinden.
Entscheidend bleibt jedoch auch bei diesen Verfahren die individuelle Prüfung. Nicht jede technische Lösung eignet sich für jeden Menschen. Erst eine genaue Betrachtung der körperlichen Voraussetzungen, der Beschwerden und der persönlichen Ziele zeigt, ob der Einsatz sinnvoll sein kann.
Ehrliche Beratung statt schneller Lösung
Zur Orthopädietechnik gehört deshalb auch, Erwartungen realistisch einzuordnen. Prothesen, Orthesen und technische Systeme können viel ermöglichen, ersetzen aber nicht automatisch Training, Therapie oder körperliche Voraussetzungen. Grenzen werden offen angesprochen. Entscheidend ist, dass die Lösung zum Menschen passt – nicht umgekehrt.
Darum arbeitet das Vitalzentrum eng mit Ärztinnen und Ärzten, Therapeutinnen und Therapeuten zusammen. Besonders die therapeutische Behandlung ist wichtig, damit Patientinnen und Patienten eine Prothese oder Orthese sicher nutzen und sich daran gewöhnen. Auch bei Verordnungen, Begründungen und der Kommunikation mit Kostenträgern unterstützt das Vitalzentrum.
„Einfach nur ein Hilfsmittel bereitzustellen, damit ist es nicht getan. Der Patient muss verstehen, was das Hilfsmittel von ihm möchte – und wir müssen gemeinsam schauen, was ihn im Alltag wirklich weiterbringt“, fasst Schumacher den Anspruch der Orthopädietechnik im Vitalzentrum zusammen.

Fotos: awin