Holzminden (red). Wer beruflich oder ehrenamtlich mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, kann mit Situationen konfrontiert werden, die verunsichern: Ist eine auffällige Verhaltensänderung lediglich vorübergehend oder ein Warnsignal? Wie sind Äußerungen eines Kindes einzuordnen? Wann muss gehandelt werden und welche nächsten Schritte sind angemessen?
In solchen Fällen unterstützt die Koordinierungsstelle Kinderschutz der Projekt Begegnung gGmbH seit 2015 Fachkräfte und Ehrenamtliche aus dem Landkreis mit einer vertraulichen und kostenfreien Beratung. Aufgrund der steigenden Nachfrage hat der Landkreis Holzminden den Stellenumfang der Koordinierungsstelle zum 1. Juni 2026 ausgeweitet. Damit stehen künftig mehr Kapazitäten für die Beratung in konkreten Verdachtsfällen sowie für zusätzliche Fortbildungsangebote zur Verfügung.
Beratungsalltag umfasst unterschiedliche Gefährdungen
Berichte über körperliche oder seelische Gewalt, Vernachlässigung, Verwahrlosung und sexualisierte Gewalt gehören zum Beratungsalltag der Koordinierungsstelle Kinderschutz. Betroffen sind Kinder und Jugendliche aller Altersgruppen. Die jüngsten Kinder sind oftmals noch keine drei Jahre alt und in besonderem Maße darauf angewiesen, dass Menschen in ihrem Umfeld aufmerksam hinschauen und verantwortungsvoll handeln.
„Menschen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, tragen eine besondere Verantwortung. Gleichzeitig dürfen wir sie mit schwierigen Beobachtungen und Entscheidungen nicht alleinlassen“, erklärt Stefanie Ahlborn, Dezernentin für Jugend, Gesundheit und Soziales des Landkreises Holzminden. „Mit der Ausweitung des Angebots schaffen wir mehr Sicherheit im Umgang mit möglichen Kindeswohlgefährdungen und stärken damit den Kinderschutz im gesamten Landkreis.“
Beratung schafft Sicherheit im konkreten Fall
Die Beratung richtet sich insbesondere an Erzieherinnen und Erzieher, Lehrkräfte, Schulsozialarbeitende sowie haupt- und ehrenamtlich Tätige in der Kinder- und Jugendarbeit. Sie können sich an die Koordinierungsstelle wenden, wenn sie Anzeichen für eine mögliche Gefährdung wahrnehmen oder unsicher sind, wie sie eine Situation fachlich bewerten und weiter vorgehen sollen.
Gemeinsam mit einer erfahrenen Fachkraft ordnen die Ratsuchenden ihre Beobachtungen ein, bewerten mögliche Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung und entwickeln geeignete nächste Schritte. Dabei geht es nicht darum, den Fachkräften die Entscheidung abzunehmen. Ziel ist vielmehr, ihnen eine fundierte Einschätzung zu ermöglichen und sie darin zu unterstützen, fachlich verantwortlich zu handeln.
Vertrauliche Gespräche auch vor Ort möglich
Die Beratung ist kostenfrei und vertraulich. Die Fälle werden grundsätzlich ohne die Weitergabe personenbezogener Daten besprochen. Je nach Bedarf kann eine erste Einschätzung telefonisch erfolgen oder ein ausführlicheres Beratungsgespräch vereinbart werden. Auch eine Beratung vor Ort in der jeweiligen Einrichtung ist möglich.
In ihrer Beratung erlebt Monique Becker, Leiterin der Koordinierungsstelle Kinderschutz, immer wieder, dass Unsicherheit und die Angst, Fehler zu machen, Fachkräfte davon abhalten, frühzeitig zu handeln. Die Sorge, sich einzumischen oder ungewollt etwas in Gang zu setzen, kann dazu führen, dass notwendige Hilfe für Kinder und Jugendliche zu spät erfolgt.
„Viele Fachkräfte nehmen Warnsignale sehr genau wahr, sind aber unsicher, ob ihre Beobachtungen bereits ein Tätigwerden erfordern“, erläutert Becker. „Die Beratung hilft dabei, die Situation strukturiert zu betrachten und Klarheit über die nächsten Schritte zu gewinnen.“
Neue Fortbildungen für unterschiedliche Arbeitsfelder
Neben der individuellen Beratung liegt ein weiterer Schwerpunkt des erweiterten Angebots auf der Prävention. Der Landkreis finanziert deshalb zusätzliche Fortbildungen, die gezielt auf die Anforderungen verschiedener Arbeitsfelder zugeschnitten sind.
Die Teilnehmenden erhalten unter anderem einen Überblick über mögliche Anzeichen einer Kindeswohlgefährdung, lernen Verfahren zur strukturierten Einschätzung kennen und befassen sich mit der Frage, wie schwierige Gespräche mit Kindern, Jugendlichen und Sorgeberechtigten geführt werden können. Anhand praxisnaher Beispiele können sie ihr Wissen vertiefen, Unsicherheiten besprechen und konkrete Handlungsmöglichkeiten für ihren Arbeitsalltag entwickeln.
Drei Termine von September bis November
Die nächsten Fortbildungen finden am Dienstag, 8. September 2026, für Fachkräfte an Schulen in der Jugendbildungsstätte Fürstenberg, am Dienstag, 6. Oktober 2026, für Fachkräfte in Kindertagesstätten in der Jugendbildungsstätte Fürstenberg sowie am Samstag, 7. November 2026, für Ehrenamtliche in der Kinder- und Jugendarbeit in der Drehscheibe Holzminden statt.
Die Veranstaltungen dauern jeweils von 9 bis 15 Uhr. Es wird ein Teilnahmebeitrag von 25 Euro erhoben.
Koordinierungsstelle arbeitet unabhängig vom Jugendamt
Die Koordinierungsstelle Kinderschutz wird vom Landkreis Holzminden finanziert und ist organisatorisch bei der Projekt Begegnung gGmbH angesiedelt. Die Beratung erfolgt fachlich unabhängig vom Jugendamt. Fachkräfte und Ehrenamtliche können sich daher auch bei ersten Unsicherheiten vertraulich an die Koordinierungsstelle wenden.
Darüber hinaus koordiniert Monique Becker einen kreisweiten Pool qualifizierter Kinderschutzfachkräfte. Dadurch können unterschiedliche fachliche Erfahrungen gebündelt und zusätzliche Beratungsmöglichkeiten im Landkreis geschaffen werden. Dem Netzwerk gehören derzeit Fachkräfte des Vereins für Sozialpädagogik e. V. und der Kinderheimat Neuhaus an. Weitere qualifizierte Kinderschutzfachkräfte aus dem Landkreis können sich an die Koordinierungsstelle wenden.
Ahlborn wirbt für frühzeitige Beratung
„Niemand sollte aus Angst vor einer falschen Entscheidung darauf verzichten, sich beraten zu lassen“, betont Stefanie Ahlborn. „Lieber wird eine Beobachtung einmal mehr fachlich eingeordnet, als dass notwendige Unterstützung zu spät einsetzt.“
Die Koordinierungsstelle Kinderschutz ist telefonisch unter 0173 846 55 55 sowie per E-Mail an
Foto: Landkreis Holzminden