Holzminden (zir). Leise Musik von zwei Gitarren und einem Akkordeon begleitete am 2. August einen Moment, der für Holzminden von großer historischer Bedeutung ist. Am „Steinhof“ wurde eine Gedenktafel für die Sinti aus der Stadt eingeweiht, die während der nationalsozialistischen Herrschaft verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Angehörige der Opfer, Vertreter der Stadt, Mitglieder des Bündnisses gegen Rechts und Gäste kamen zusammen, um den lange übergangenen Schicksalen einen sichtbaren Platz zu geben.
Die Tafel trägt den Titel „Verbrechen der Nationalsozialisten an den Holzmindener Sinti“. Der Tag ihrer Einweihung war bewusst gewählt. Der 2. August ist der Europäische Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma. Er erinnert an die Ermordung der letzten im sogenannten „Zigeunerfamilienlager“ von Auschwitz-Birkenau festgehaltenen Sinti und Roma in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944.
Christian Belke erinnert an die Verantwortung Holzmindens
Bürgermeister Christian Belke stellte in seiner Rede die Verantwortung der Stadt in den Mittelpunkt. Die Einweihung sei kein Anlass für große Gesten, sondern ein notwendiger Schritt, der viel früher hätte erfolgen müssen. Holzminden schaffe damit einen Ort für Trauer, Erinnerung, Aufklärung und Nachdenken.
Belke erinnerte daran, dass die nationalsozialistische Verfolgung der Sinti und Roma von Ausgrenzung und Entrechtung bis zum systematischen Massenmord führte. Auch Menschen aus Holzminden waren davon betroffen. Im März 1943 nahm die örtliche Kriminalpolizei in der Stadt lebende Sinti fest. Anschließend wurden sie nach Auschwitz deportiert.
Hinter diesen Ereignissen hätten einzelne Lebensgeschichten, Familien und gewaltsam zerstörte Zukunftspläne gestanden, machte Belke deutlich. Der Bürgermeister verwies auf den einstimmigen Beschluss des Rates, am „Steinhof“ einen Gedenkort einzurichten. Darin zeige sich eine gemeinsame Haltung über politische Grenzen hinweg.
Die Tafel könne den Opfern ihr Leben nicht zurückgeben. Sie verankere ihre Geschichte jedoch dauerhaft im öffentlichen Gedächtnis Holzmindens. Belke erinnerte zugleich daran, dass Verfolgung nicht erst mit Festnahmen und Deportationen beginne. Vorurteile, Gleichgültigkeit und fehlender Widerspruch bereiteten den Boden für die spätere Gewalt.
Im Namen der Stadt bat der Bürgermeister die betroffenen Familien um Verzeihung dafür, dass ihre Geschichte erst so spät öffentlich gewürdigt wird. Sein Dank galt Klaus Kiekbusch, der mit seinen Recherchen wichtige Grundlagen geschaffen hatte, sowie der Arbeitsgruppe und allen Beteiligten, die die Gedenktafel ermöglichten.
Edmund Gerste erzählt vom Überleben seines Großvaters
Welche Folgen die Verfolgung für eine Familie hatte, schilderte Edmund Gerste als Nachfahre der Opfer. Sein 1926 geborener Großvater war bereits als Jugendlicher von den Einschränkungen des nationalsozialistischen Staates betroffen. Seit einem Erlass aus dem Jahr 1939 durfte er seinen Wohnort nicht mehr verlassen.
Später wurde er in Nordhausen in einer Baracke festgehalten. Von Braunschweig aus folgte die Deportation nach Auschwitz. Dort sah er seine Geschwister zum letzten Mal. Im Lager musste er schwere körperliche Arbeit verrichten und verletzte sich dabei. Nach einem Aufenthalt im Krankenrevier wurde er an weitere Orte gebracht.
Die Hoffnung, seine Angehörigen eines Tages wiederzusehen, gab ihm nach Gerstes Darstellung die Kraft zum Überleben. 1949 lernte er in Holzminden seine spätere Frau kennen. Auch sie hatte unter der nationalsozialistischen Herrschaft leiden müssen.
Das Ehepaar baute sich nach dem Krieg eine neue Existenz auf und gehörte zu den frühen Bekleidungshändlern in der Region. Mit einem Wagen fuhr es durch die umliegenden Orte. Dabei unterstützten die beiden nach Gerstes Schilderung auch Menschen, die selbst in Not geraten waren.
Die Großeltern sind auf dem Friedhof an der „Allersheimer Straße“ beigesetzt. Für ihre Nachfahren bleibt ihre Geschichte dennoch gegenwärtig. Gerste bezeichnete es als familiäre Verpflichtung, das Andenken an die Verfolgten und Ermordeten zu bewahren. Die Gedenktafel solle deshalb geehrt, gepflegt und vor Beschädigungen geschützt werden.
Gleichzeitig machte er auf fortbestehende Diskriminierung aufmerksam. Sinti würden bis heute stigmatisiert und mit abwertenden Begriffen bezeichnet. Das rassistische Z-Wort lehnten die Angehörigen entschieden ab. Sie erwarteten, als Sinti benannt und mit dem gleichen Respekt behandelt zu werden wie andere Teile der Gesellschaft.
Gerste dankte dem Bündnis gegen Rechts und Klaus Kiekbusch. Ohne deren beharrlichen Einsatz wäre die Verwirklichung des Gedenkortes aus seiner Sicht nicht möglich gewesen.
Mario Franz sieht ein wichtiges Zeichen für die Gegenwart
Mario Franz, Präsident des Niedersächsischen Verbandes deutscher Sinti und Geschäftsführer der Niedersächsischen Beratungsstelle für Sinti und Roma, würdigte die Einweihung als besonderen Tag. Die Worte Christian Belkes hätten ihn bewegt, da eine derart deutliche Übernahme von Verantwortung nicht selbstverständlich sei.
Franz beschrieb, wie vertraute Plätze über Jahrzehnte zum Stadtbild gehören können, ohne dass ihre Geschichte bekannt ist. Menschen gingen an ihnen vorbei, ohne zu wissen, welche Ereignisse mit ihnen verbunden seien. Erst das Wissen um die Vergangenheit verändere die Wahrnehmung eines Ortes.
Mit der Gedenktafel werde ein bislang unzureichend beachteter Teil der Holzmindener Geschichte sichtbar. Zugleich richte sich der Blick auf konkrete Menschen: auf Familien, Kinder, Nachbarn und Mitbürger, deren Leben durch die nationalsozialistische Verfolgung zerstört wurde.
Besonderen Dank sprach Franz Edmund Gerste aus. Nicht betroffene Menschen könnten selbst entscheiden, wie intensiv sie sich mit der NS-Zeit beschäftigten. Angehörige der Opfer hätten diese Distanz nicht, da die Folgen der Verfolgung Teil ihrer eigenen Familiengeschichte seien.
Franz erinnerte daran, dass die Gewalt nicht mit den Deportationen begonnen hatte. Ausgrenzung, Stigmatisierung und der Entzug von Rechten waren vorausgegangen. Auch nach 1945 mussten Sinti lange darum kämpfen, dass ihr Leiden anerkannt und ihre Stimmen gehört wurden. Wo solche Geschichten aus dem Bewusstsein verschwänden, entstehe erneut die Gefahr von Gleichgültigkeit.
Die Tafel gebe den Familien einen Teil ihrer Geschichte im öffentlichen Raum zurück. Für den Verband bedeute die Einweihung zugleich, dass Holzminden seine Vergangenheit vollständiger erzählen könne. Franz äußerte die Hoffnung, dass künftig viele Menschen dort stehen bleiben, die Inschrift lesen und Fragen stellen.
Namen rücken die Opfer in den Mittelpunkt
Dr. Vera Werner vom Bündnis gegen Rechts verlas während der Veranstaltung die Namen der ermordeten Holzmindener Sinti. Der Moment gab dem Gedenken eine persönliche Dimension. An die Stelle einer anonymen Opferzahl traten die Namen von Menschen, die zur Stadtgesellschaft gehört hatten.
Die neue Gedenktafel soll künftig nicht nur an die Vergangenheit erinnern. Sie soll auch dazu beitragen, Vorurteile und Ausgrenzung frühzeitig zu erkennen. Für die Angehörigen ist sie ein Zeichen dafür, dass die Geschichte ihrer Familien nicht länger am Rand steht. Für Holzminden ist sie die Verpflichtung, das Erinnern dauerhaft wachzuhalten.
Fotos: zir